Der britische Psychologe Sir Frederic Charles Bartlett (1886-1969) leistete seinen Hauptbeitrag durch die Entwicklung der angewandten experimentellen Psychologie in Großbritannien während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Frederic Bartlett wurde am 22. Oktober 1886 geboren. Er erhielt seine Ausbildung privat und am St. John’s College in Cambridge, dessen Fellow er wurde. Stark beeinflusst von dem Arzt, Ethnologen und Psychologen W.H.R. Rivers, wandte sich Bartlett schon früh der Anthropologie zu; doch die Umstände, nicht zuletzt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, führten ihn zu einer Karriere in der Psychologie. Nach dem Krieg kehrte Bartlett nach Cambridge zurück, wo er 1922 die Nachfolge von C.S. Myers als Direktor des psychologischen Labors antrat und 1931 Professor für experimentelle Psychologie wurde, ein Amt, das er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1952 innehatte. Er starb am 30. September 1969 in Cambridge.

Bartletts frühe Interessen lagen in der experimentellen Untersuchung von Wahrnehmung und Gedächtnis. Er misstraute dem allzu analytischen Ansatz der deutschen Forscher und bemühte sich, die Bedingungen seiner Experimente so naturgetreu wie möglich zu gestalten. In seinem Buch Remembering: A Study in Experimental and Social Psychology (1932), das erheblichen Einfluss hatte, fasste er die Ergebnisse einer langen Reihe von Experimenten zusammen. Bartlett legte besonderen Wert auf das Ausmaß der Rekonstruktion, ja sogar der Erfindung, die beim Erinnern stattfindet, sowie auf die Rolle, die Einstellung, Interesse und soziale Konventionen dabei spielen. Später führte er den in Remembering entwickelten Ansatz auf die Untersuchung anderer höherer mentaler Prozesse, insbesondere des Denkens, weiter und veröffentlichte ein kurzes Buch zu diesem Thema, Thinking: An Experimental and Social Study (1958).

Probleme in der angewandten Psychologie

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wandte sich Bartlett mit den Ressourcen seines Labors fast ausschließlich der angewandten Arbeit zu, und immer mehr Probleme wurden ihm von den Streitkräften und verschiedenen Regierungsstellen vorgelegt. Diese Probleme betrafen u. a. die Entwicklung von Ausrüstung, Ausbildungsmethoden, Ermüdung und Personalauswahl. Um sie zu lösen, brachte Bartlett eine bemerkenswerte Gruppe junger Experimentalpsychologen unter der Leitung von K.J.W. Craik zusammen. Viele von ihnen wurden später in die Forschungsabteilung für angewandte Psychologie des Medical Research Council integriert, deren Leitung Bartlett nach Craiks Tod übernahm. Obwohl er sich hauptsächlich mit angewandter Arbeit beschäftigte, war Bartlett stets auf ihren potenziellen wissenschaftlichen Wert und ihre Bedeutung für die Entwicklung realistischer Theorien des menschlichen Verhaltens bedacht.

Außerhalb der experimentellen Psychologie behielt Bartlett sein Interesse an der Anthropologie bei, veröffentlichte das Buch Psychology and Primitive Culture (1923) und sponserte den einflussreichen Sammelband The Study of Society: Methods and Problems (1939). In seinen zahlreichen Abhandlungen über soziale Fragen betonte er stets das Ausmaß der Gemeinsamkeiten und die Notwendigkeit, diszipliniertere Forschungsmethoden zu entwickeln.

Bartlett spielte mehr als 40 Jahre lang eine führende Rolle beim Wachstum und der Entwicklung der Psychologie in Großbritannien. Er wurde 1932 zum Fellow der Royal Society gewählt, erhielt sieben Ehrentitel und wurde 1948 zum Ritter geschlagen.

Weitere Lektüre

Bartlett schrieb einen kurzen Bericht über sein frühes Leben und über die Geschichte des Cambridge Psychological Laboratory bis 1935 in Carl Murchison, Hrsg., A History of Psychology in Autobiography, Bd. 3 (1936). Muzafer Sherif, Social Interaction: Process and Products (1967), erörtert die Sozialpsychologie und erwähnt die Beiträge von Bartlett. □

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